Warum eine Erkältung kein Zeichen von Schwäche ist – und was Autophagie damit zu tun hat
Ich sitze gerade mit einer Erkältung hier, als ich einen Podcast über Autophagie höre – jenen Prozess, wörtlich „Selbstverdauung", mit dem unsere Zellen beschädigte oder überflüssige Bestandteile in ihrem Inneren abbauen und wiederverwerten, und dessen Kraft im Alter nachlassen soll. Und sofort kommt der Gedanke: Mein Immunsystem hätte den Infekt doch eigentlich abfangen müssen. Ist mein Immunsystem also zu schwach – oder hat das etwas mit dieser Autophagie zu tun, von der im Podcast gerade die Rede ist? Und kann man darauf irgendwie Einfluss nehmen? Die Fragen liegen nahe, und die Antworten führen uns zu einem Prozess, der in unseren Zellen viel mehr macht, als man zunächst denkt.
Wie Autophagie im akuten Infekt mitspielt
Bei einer Virusinfektion übernimmt dieser Selbstreinigungsprozess eine konkrete Aufgabe: Die infizierte Zelle baut mit ihrer eigenen Maschinerie auch virale Proteine ab, die sich in ihr befinden – diesen Teilprozess nennt man Xenophagie. Ein Teil der dabei entstehenden Bruchstücke bringt sie an ihre Oberfläche und zeigt sie dort wie einen Ausweis: „Ich bin infiziert.“ T-Zellen des Immunsystems erkennen diesen Ausweis und schalten die betroffene Zelle gezielt aus.
Gut belegt ist dieser Mechanismus bislang vor allem bei Herpesviren und dem Cytomegalievirus. Ob er bei den Rhinoviren, die den meisten Erkältungen zugrunde liegen, in gleicher Weise abläuft, ist mir aus der Forschung nicht bekannt, denn hier fehlt mir eine konkrete Quelle. Was sich aber sagen lässt: Autophagie ist kein Prozess, der nur im Hintergrund der Zellalterung stattfindet. Sie ist Teil der Abwehr, während eine Infektion läuft.
Die Symptome der Erkältung sind keine Schwäche, sondern ein Kampf
Dass es zur Erkältung kommt, liegt selten an einer schwachen Abwehr. Der Körper hat zwei Verteidigungslinien: Eine schnelle, unspezifische, die sofort auf jeden Eindringling reagiert, und eine langsamere, spezifische, die sich erst nach ein paar Tagen gezielt auf den jeweiligen Erreger einstellt. Die erste Linie funktioniert unter anderem über Interferone, Botenstoffe, die eine Zelle ausschüttet, sobald sie ein Virus bemerkt. Das setzt die benachbarten Zellen in Alarmbereitschaft, damit sich die Infektion nicht so leicht ausbreitet. Genau hier setzen Rhinoviren an: Sie unterdrücken gezielt diese Interferon-Signale in den Zellen der Atemwegsschleimhaut, noch bevor die langsamere, spezifische Abwehr überhaupt in Gang kommt. Das ist kein Versagen des Immunsystems, sondern ein Wettrüsten, bei dem der Erreger in den ersten Stunden oft die Nase vorn hat.
Fieber, geschwollene Schleimhäute, das Gefühl von Erschöpfung – all das sind Nebenwirkungen eines Systems, das gerade aktiv auf mehreren Ebenen gegen den Erreger vorgeht, nicht Anzeichen eines unfähigen Systems. Zwei bis vier Erkältungen im Jahr gelten bei Erwachsenen übrigens als normal – ein Zeichen für Kontakt mit der Welt, nicht für eine Schwäche.
Wenn die Autophagie über die Jahre nachlässt
Prof. Dr. Katja Simon vom Max-Delbrück-Center für Molekulare Medizin hat festgestellt, dass die Fähigkeit zur Autophagie im Alter nachlässt. Nun erforscht sie im Detail, wie das zur sogenannten Immunoseneszenz beiträgt, der Alterung des Immunsystems. Folgen dieser Alterung des Immunsystems sind, dass Immunzellen mehr Entzündungsproteine ausschütten, was chronische, unterschwellige Entzündungsprozesse im ganzen Körper begünstigt. Diese werden unter anderem mit altersbedingten Erkrankungen, Gelenkschmerzen oder einer Verschlechterung neurodegenerativer Erkrankungen in Verbindung gebracht. Auch die Wirkung von Impfungen lässt im Alter nach. In ihrer Forschung konnte Simon zeigen: Wird die Autophagie-Aktivität wieder angehoben, verbessert sich auch die Impfantwort – besonders bei Menschen, die zuvor besonders schwach reagiert hatten.
Theoretisch liegt der Gedanke nahe: Da die Antigen-Präsentation von Virenprotein auf Autophagie beruht, könnte eine altersbedingt geringere Autophagie-Aktivität auch diesen akuten Abwehrmechanismus schwächen. Ob das bei einer einzelnen Erkältung tatsächlich eine Rolle spielt, ist damit aber nicht gesagt: Das wäre eine Vermutung von mir, keine belegte Aussage aus der Forschung.
Was das für den Alltag bedeutet
Vielleicht fragen Sie sich nun wie ich mich, mit der Erkältung im Nacken: Wie steht es eigentlich um meine eigene Autophagie? Ehrliche Antwort: Das lässt sich aktuell nicht sagen. Autophagie-Aktivität wird in der Forschung über spezielle Laborverfahren gemessen, es gibt keinen Test, den Sie beim Hausarzt oder gar selbst machen könnten. Schade eigentlich, aber das ist der ehrliche Stand der Dinge.
Und die Antwort auf die Frage, ob sich die Autophagie beeinflussen lässt? Teilweise geht das, aber mit Einschränkungen. In Tiermodellen und Zellstudien konnten regelmäßige Bewegung und die geringere Zufuhr von Energie über die Nahrung die Autophagie steigern und altersbedingte Veränderungen des Immunsystems teilweise abschwächen. Ob das beim Menschen genauso läuft und ob es dauerhaft wirkt, ist bislang nicht eindeutig belegt. Aber daran wird noch geforscht.
Für mich bleibt daraus vor allem eine Erkenntnis: Bewegung ist zwar keine Garantie gegen den nächsten Infekt, aber möglicherweise ein Baustein dafür, wie gut das Immunsystem im Alter insgesamt aufgestellt bleibt. Und der nächste Schnupfen ist dann kein Grund, an der eigenen Abwehr zu zweifeln – sondern schlicht ein Zeichen dafür, dass der Körper gerade auf mehreren Ebenen zu tun hat.
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*Quelle: Forschungsquartett-Podcast „Autophagie – Die Superkraft der Zellen", Spektrum der Wissenschaft / detektor.fm in Kooperation mit dem Max-Delbrück-Center für Molekulare Medizin, mit O-Tönen von Prof. Dr. Katja Simon.*
