
Ist Balancieren besser fürs Gehirn als Sudoku?
Wie meine Morgenroutine mein Hirn ankurbelt
Ich stehe im Bad und versuche, mich für den Tag passabel herzurichten. Im Radio kommt gerade ein Beitrag mit der Aussage, Balancetraining sei „besser fürs Gehirn als Sudoku“.
Ich höre genauer hin. Und meine Schaltkreise beginnen zu glühen. So einfach kann die Sache doch nicht sein, oder? Sudoku fordert wichtige kognitive Fähigkeiten – beispielsweise logisches Denken, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit. Man löst vor allem eine Denkaufgabe. Und wird möglicherweise irgendwann deutlich besser im Sudoku-Lösen.
Aber ja, beim Balancieren muss das Gehirn gleichzeitig wahrnehmen, bewegen, stabilisieren, vergleichen, entscheiden und korrigieren. Da hat es tatsächlich ein paar mehr Aufgaben zu lösen.
Ich löse morgens kein Sudoku. Zumindest keines mit Zahlen. Stattdessen stehe ich auf einem Bein.
Denn mit meinem Gehirnjogging beginne ich schon im Badezimmer: elektrische Zahnbürste in der Hand, ein Bein in der Luft. Für den Fall der Fälle das Waschbecken als kleine Unterstützung, wenn es zu Beginn doch noch etwas wackeliger ist.
Meine Zahnbürste teilt die zwei Minuten Putzzeit in vier Abschnitte. Und nach jedem Abschnitt wird das Standbein gewechselt. Mal rechts, mal links. So weit, so unspektakulär.
Aber wenn man genauer hinschaut, ist doch ziemlich viel los.
Während ich auf einem Bein stehe, muss mein Körper permanent verhindern, dass ich umfalle. Fuß und Sprunggelenk reagieren auf kleinste Gewichtsverlagerungen, Knie und Hüfte stabilisieren, und der Rumpf gleicht die Bewegungen des Armes aus.
Denn der steht ja keineswegs still.
Während unten balanciert wird, führt oben die Hand die elektrische Zahnbürste durch den Mund. Beim Rattern der Zahnbürste wirken Hebelkräfte, klein, ja, aber durchaus gemein.
Das Gehirn bekommt also gleichzeitig jede Menge Sinneseindrücke und Rückmeldungen aus dem Körper. Aus all diesen Meldungen muss es fortlaufend berechnen: Stehe ich noch? Nun ja, meistens schon.
Damit aber noch nicht genug.
Normalerweise beginne ich beispielsweise rechts oben. Manchmal ändere ich absichtlich die Reihenfolge und starte links unten.
Ups. Plötzlich funktioniert ein Teil der morgendlichen Routine nicht mehr vollkommen automatisch. Ich muss kurz überlegen: Wo bin ich? Was kommt als Nächstes? Welcher Abschnitt fehlt noch? So viel Aufmerksamkeit... Irgendwie fühle ich mich dann gleich etwas wacher. Und wenn ich, notorischer Rechtshänder, dann auch noch Quadrant für Quadrant die Zahnbürste in die andere Hand nehme, bin ich schlagartig vollständig im Tag angekommen.
Und dann ist da noch meine Zunge. Die hat nämlich ebenfalls einen Job.
Sie kontrolliert zwischendurch die Backenzähne: Fühlt sich die Oberfläche schon glatt an? Ist irgendwo noch ein rauer Bereich? Dann muss die Zahnbürste eben noch einmal dorthin.
Fühlen – beurteilen – Stelle lokalisieren – nachputzen – erneut kontrollieren.
Damit arbeiten beim vermeintlich simplen Zähneputzen gleichzeitig die unterschiedlichsten Systeme zusammen.
Jaja, so viel Aktivität gleich am frühen Morgen. Wenn ich auf diese Weise darüber nachdenke, ergreift mich schon ein bisschen die Ehrfurcht!
Aus einer ziemlich gewöhnlichen Morgenroutine ist ganz nebenbei eine kleine Trainingseinheit für Körper und Geist geworden.
Mach ich also alles richtig, morgens um 8 in meinem Bad?
Zwei Minuten Zähneputzen, viermal Bein- und Handwechsel und hinterher saubere Backenzähne – das ist schon eine ganze Menge Selbstoptimierung für den Tag. Vielleicht also doch eine Art Sudoku, Ganzkörper-Sudoku sozusagen.
Sudoku oder Balancieren – was ist besser fürs Gehirn? Wohl die falsche Frage. Beide fordern es auf ganz unterschiedliche Weise.
Ach, hatte ich eigentlich erwähnt, dass im zweiten Teil des Radiobeitrags auch über Muskeltraining erzählt wurde? Auch das kann das Gehirn nämlich aktivieren. Und mein Körper hatte ja in diesen zwei Minuten ganz ordentlich zu tun!
Wenn mich dieses geballte Hirntraining vor Demenz geschützt haben sollte, erzähle ich Ihnen davon in 20 Jahren. Sollten Sie dann nichts von mir hören… Nun ja, ein Versuch war’s jedenfalls wert.
Vielleicht probieren Sie es ja selbst einmal aus!
