Informieren wir uns dumm?
Was hängen bleibt, wenn der Kopf nie Pause hat
Manchmal passiert es ausgerechnet in diesen besonders ruhigen Momenten.
Unter der Dusche. Beim Blick aus dem Fenster. Auf einem Spaziergang, bei dem ich eigentlich über gar nichts Bestimmtes nachdenken wollte. Oder während ich auf einer Massagebank liege und gerade niemand eine Antwort, eine Entscheidung oder irgendeine andere Form geistiger Höchstleistung erwartet.
Plötzlich fällt mir ein Name wieder ein, nach dem ich gestern verzweifelt gesucht habe. Die Lösung für das Problem mit dem Schreibprogramm liegt urplötzlich glasklar vor mir. Eine elegante Wendung für meinen Blogbeitrag ploppt wie aus dem Nichts auf. Oder mein Kopf beginnt völlig ungefragt, aus einer alten Erinnerung, dem Gespräch von heute Morgen und einer Idee für nächste Woche eine höchst eigenwillige Geschichte zusammenzubauen.
Es dreht sich um Gestern. Um Begegnungen von vor zwanzig Jahren. Um nächsten Dienstag. Eine mögliche Zukunft wird konstruiert, die noch nicht einmal abzusehen ist.
Von außen sieht das nach Nichtstun aus. Aber im Inneren ist so einiges in Bewegung. Ohne dass ich das will.
Aber was würde passieren, wenn ich in den körperlichen Pausen mein Hirn mit neuen Informationen füttern würde? Irgendwo hab ich mal gelesen, dass zu viele Informationen dumm machen. Was ist da dran? Begleiten Sie mich doch auf meiner Reise zu der Antwort auf die Frage, was unser Gehirn eigentlich macht, wenn wir gerade nichts von ihm verlangen.
Das Gehirn hat keinen Aus-Knopf
Lange Zeit interessierten sich Neurowissenschaftler vor allem dafür, welche Hirnregionen aktiv werden, wenn Menschen etwas Bestimmtes tun. Rechnen, lesen, Bilder betrachten, Wörter erinnern. Für all diese Aufgaben lässt sich beobachten, welche Bereiche des Gehirns besonders beteiligt sind.
Dann fiel bei Untersuchungen etwas Merkwürdiges auf.
Während zum Beispiel beim Lesen die zugehörigen Hirnbereiche arbeiteten, nahm in anderen die Aktivität ab. Ließ man die Menschen dagegen einfach ruhig liegen, nahmen die bis dahin weniger aktiven Bereiche an Fahrt auf.
Das war zunächst etwas unbequem. Denn um zu verstehen, welche Aktivität welche Gehirnregionen beansprucht, brauchte man als Grundlage ein ruhendes Gehirn. Eine neurologische Nulllinie sozusagen. Nur war diese Nulllinie überhaupt nicht null.
Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich Anfang der 2000er-Jahre das Konzept des Default Mode Network, kurz DMN. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Ort im Gehirn, sondern um mehrere miteinander verbundene Bereiche, die besonders dann aktiv sind, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht vollständig von einer Aufgabe in der Außenwelt beansprucht wird.
Der Begriff wird häufig mit „Ruhezustandsnetzwerk“ übersetzt. Das klingt allerdings gemütlicher, als es ist. Denn Ruhe bedeutet hier keineswegs, dass das Gehirn nichts tut.
Während wir aus dem Fenster schauen, wird hinter den Kulissen gearbeitet
Zum Default Mode Network gehören unter anderem Bereiche an der Innenseite des Stirnhirns, Regionen tief an der inneren Mittellinie des Gehirns sowie Teile des Scheitellappens. Auch Gedächtnisstrukturen sind in dieses Netzwerk eingebunden.
Besonders interessant ist, womit sich dieses Netzwerk beschäftigt.
Es wird aktiv, wenn wir autobiografische Erinnerungen abrufen, über uns selbst nachdenken, uns mögliche zukünftige Situationen vorstellen oder überlegen, was andere Menschen wohl gemeint haben könnten.
Der Blick löst sich also ein Stück weit von dem, was unmittelbar vor uns geschieht, und richtet sich nach innen.
Bei der entspannten Tasse Kaffee werden im Kopf Erfahrungen hervorgeholt, miteinander verglichen, neu zusammengesetzt oder, wie ich schon erzählt habe, zum Bild einer möglichen Zukunft verwoben.

Diese oft gescholtenen Tagträumereien sind nicht automatisch Konzentrationsschwäche oder geistige Schlamperei. Unser Gehirn kann Informationen von der aktuellen Außenwelt entkoppeln und mit Dingen arbeiten, die gerade überhaupt nicht vorhanden sind.
Genau diese Fähigkeit brauchen wir beispielsweise, wenn wir planen. Oder wenn wir uns fragen, was passieren könnte, bevor es passiert. Oder wenn plötzlich eine Idee auftaucht, auf die wir beim angestrengten Nachdenken partout nicht gekommen sind.
Kleine Pause nach dem Lernen
Nicht alles, was während einer Ruhephase im Gehirn geschieht, gehört automatisch zum Default Mode Network.
Das wird besonders deutlich, wenn es um Gedächtnis geht.
Neue Informationen werden nicht einfach wie eine Datei gespeichert und sind damit erledigt. Gedächtnisspuren verändern und stabilisieren sich über die Zeit. Besonders der Hippocampus spielt dabei eine wichtige Rolle.
Nach dem Lernen kann das Gehirn Teile dessen, was gerade passiert ist, noch einmal aufgreifen. Dabei ist „gerade“ ein dehnbarer Begriff, denn es kann auch schon eine ganze Weile vergangen sein, wenn das Gehirn die Informationen erneut bearbeitet. Und dann tauchen dieselben Aktivitätsmuster erneut auf, die schon während des Lernens gesehen wurden. Vereinfacht gesagt spielt das Gehirn bestimmte Erfahrungen noch einmal durch. Solche Reaktivierungen kennt man gut aus der Schlafforschung, sie wurden aber auch während ruhiger Wachphasen beobachtet.
Dazu gibt es inzwischen einen eigenen Forschungsbereich: wakeful rest, also wache Ruhe.
In solchen Studien lernen Menschen zunächst etwas. Danach bekommen die einen ein paar relativ reizfreie Minuten, während die anderen gleich die nächste Aufgabe lösen müssen. Über mehrere Studien hinweg zeigte sich im Durchschnitt, dass sich die Teilnehmer der ersten Gruppe später besser erinnerten.
Es kann also einen Unterschied machen, ob auf eine Information sofort die nächste folgt oder ob das Gehirn Gelegenheit bekommt, mit dem gerade Erlebten weiterzuarbeiten.
Wir haben Wartezeiten ziemlich erfolgreich abgeschafft
Die kleinen reizarmen Lücken sind in unserem Alltag ziemlich selten geworden.
Drei Minuten an der Bushaltestelle? Handy.
Das Essen ist noch nicht fertig? Handy.
Im Wartezimmer sitzen noch zwei Leute vor uns? Handy.
Der Film hat gerade eine langweilige Szene? Auch dafür gibt es inzwischen ein zweites Display.
Wir haben etwas geschafft, wovon frühere Generationen vermutlich nur träumen konnten: Fast jede freie Sekunde lässt sich mit neuer Information füllen.
Ob unser Gehirn darüber genauso begeistert ist, ist eine andere Frage. Denn wie wir gesehen haben, kann etwas Ruhe dabei helfen, die Dinge zu verarbeiten und zu integrieren.
Natürlich wird nicht jede Minute ohne Smartphone automatisch zur neurologisch wertvollen Pause. Und wir müssen auch nicht nach exakt fünfzig Minuten Arbeit zehn Minuten korrekt aus dem Fenster schauen.
Jedoch könnte es schon helfen, eine kleine Pause nicht sofort zu füllen, um einer Idee, die gerade im Entstehen ist, etwas mehr Raum zu lassen.

Die besten Ideen kommen manchmal beim Kartoffelschälen
Kreativität im Kopf ist dabei kein Produkt eines einzigen Gehirnnetzwerks. Die Sache ist komplex und gerade deshalb so interessant.
Beim freien Assoziieren kann das Default Mode Network helfen, ungewöhnliche Verknüpfungen entstehen zu lassen. Irgendwann muss allerdings noch ein anderes System dazukommen, das prüft, sortiert und entscheidet, ob mit der Idee überhaupt etwas anzufangen ist.
Bildgebungsstudien zeigen in dem Zusammenhang, dass beim kreativen Denken Netzwerke miteinander zusammenarbeiten können, die bei stark konzentrierter Arbeit eher unterschiedliche Funktionen übernehmen. Man könnte etwas salopp sagen: Das eine System darf spinnen, während ein anderes schaut, ob die Spinnerei zu etwas zu gebrauchen ist.
Zu viel Kontrolle könnte allerdings verhindern, dass genau diese zufällig erscheinenden Plopps in unseren Gedanken überhaupt auftreten.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Gedankenwandern automatisch kreativ ist. Man kann beim Blick aus dem Fenster ebenso gut zum vierzigsten Mal dasselbe unangenehme Gespräch durchkauen.
Und was ist dann mit Meditation?
An dieser Stelle wenden Sie vielleicht ein: Moment mal. Bei Meditation versucht man doch häufig gerade, dieses ganze Gedankengewitter zur Ruhe zu bringen.
Ist das nicht genau das Gegenteil?
Nicht unbedingt.
Der Begriff Meditation umfasst sehr unterschiedliche Verfahren, und auch das Gehirn verhält sich dabei nicht immer gleich.
Bei einer Form der Meditation wird die Aufmerksamkeit beispielsweise auf den Atem gerichtet. Schweift sie ab, soll das bemerkt und die Aufmerksamkeit wieder zurückgeführt werden. Das trainiert etwas anderes als freies Gedankenwandern.
Andere Meditationsformen arbeiten mit offenem Gewahrsein. Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen dürfen auftauchen, sollen aber möglichst nicht sofort weitergesponnen oder bewertet werden.
Wieder andere Traditionen beschreiben Zustände weitgehender Gedankenstille.
Bei Untersuchungen der Hirnaktivität zeigen sich dabei spannende Unterschiede.
Beim konzentrierten Meditieren ist die Aktivität in Teilen des Default Mode Network häufig geringer als beim freien Gedankenwandern. Bei nicht-direktiven Meditationsformen kann dieses Netzwerk dagegen durchaus beteiligt bleiben oder stärker aktiviert sein.
Ganz einheitlich sind diese Befunde allerdings nicht. Je nach Meditationsform, Erfahrung und Untersuchungsmethode finden sich unterschiedliche Veränderungen.
Einen klar umrissenen neurologischen Zustand namens „Gedankenleere“ gibt es daher bislang nicht.
Und wenn es die Abwechslung ist, die wichtig ist?
Wenn man all das zusammennimmt, wird die Suche nach dem „besten“ geistigen Zustand zunehmend unsinnig.
Die eigentliche Stärke unseres Gehirns liegt offenbar gar nicht darin, besonders viele oder besonders wenige Gedanken zu produzieren. Viel interessanter ist seine Fähigkeit, den Modus zu wechseln. Es kann sich konzentrieren, wenn Konzentration gebraucht wird, Gedanken laufen lassen, damit Raum für neue Verbindungen entsteht, und einen Gedanken auch mal vorbeiziehen lassen, ohne sich ihm gleich zu ergeben.
Und manchmal wird es sogar still.
Unser Gehirn besitzt offenbar nicht den einen idealen Ruhezustand. Es besitzt ein ganzes Repertoire.
Warum legen wir uns dann nicht einfach schlafen?
Wenn Ruhe dem Gedächtnis helfen kann, Gedankenwandern neue Verbindungen ermöglicht und weniger Außenreize offenbar durchaus ihren Sinn haben, könnte man auf eine naheliegende Idee kommen: Warum sparen wir uns da nicht das Herumsitzen und gehen stattdessen gleich ins Bett?
Weil Schlaf nicht einfach die besonders gründliche Variante des Nichtstuns ist. Er ist ein eigener biologischer Zustand.
Kurz vorm Einschlafen wird es noch einmal interessant
Zwischen Wachsein und Schlaf gibt es noch eine kleine Zwischenwelt.
Wir sind schon nicht mehr ganz wach, aber auch noch nicht richtig eingeschlafen. Die Gedanken werden lockerer, Bilder tauchen auf, Zusammenhänge verschieben sich und Dinge können plötzlich miteinander verknüpft werden, die am helllichten Tag eher getrennt nebeneinanderliegen.
Genau diese erste Einschlafphase wird in der Forschung zunehmend interessant. Es gibt Hinweise darauf, dass gerade hier ungewöhnliche Verknüpfungen entstehen und sich hin und wieder Lösungen für Probleme zeigen können, an denen man vorher festgehangen hat.
Und natürlich bringt mich das gleich auf die nächste Idee: Ich höre abends zum Einschlafen fast immer einen Podcast. Bei mir sind das häufig Sternengeschichten. Zwei Minuten später bin ich normalerweise weg. Also liegt doch die nächste Frage praktisch schon auf dem Tisch: Verhindert mir mein Podcast womöglich genau diese interessante Einschlafphase?

Die beruhigende Antwort lautet vermutlich: nein.
Die Übergangsphase verschwindet dadurch nicht einfach. Das Gehirn verarbeitet beim Einschlafen äußere Geräusche und Sprache noch eine Weile weiter. Gleichzeitig können Inhalte von außen sogar in die entstehenden Gedanken und Bilder hineinrutschen.
Der Podcast könnte also weniger verhindern, dass mein Gehirn Dinge neu verknüpft, als vielmehr mitbestimmen, welches Material ihm dabei gerade zur Verfügung steht.
Und weil ich so bin wie ich bin, ist damit natürlich die nächste Frage auch schon da: Wenn das so ist, sollte ich meinem Einschlaf-Podcast-Portfolio vielleicht noch andere Themen hinzufügen, um meinem Gehirn für den nächsten Tag besonders interessantes Ausgangsmaterial hinzulegen?
An dieser Stelle muss ich meinen eigenen Optimierungsdrang allerdings ein wenig bremsen.
Es gibt tatsächlich Experimente, bei denen Menschen beim Einschlafen gezielt mit bestimmten Themen angeregt und kurz darauf wieder geweckt wurden. Berichteten sie dann, dass diese Themen in ihren gerade erlebten Gedanken oder Träumen aufgetaucht waren, zeigte sich bei passenden Aufgaben teilweise mehr kreative Leistung.
Das ist spannend.
Es bedeutet aber nicht, dass wir abends nur den richtigen Podcast auswählen müssen und morgens mit einer frisch optimierten Problemlösungsabteilung aufwachen. Um das behaupten zu können, ist die Forschung noch viel zu jung.
Vielleicht reicht erst einmal die Erkenntnis, dass selbst diese wenigen Minuten zwischen Wachsein und Schlaf offenbar eine eigene Qualität besitzen. Wir sind nicht mehr ganz in der strengen Ordnung des Tages, aber auch noch nicht vollständig im Schlaf angekommen.
Und genau in diesem kleinen Zwischenraum darf unser Gehirn offenbar noch einmal ziemlich frei kombinieren.
Im Schlaf verändert sich die Organisation unseres Nervensystems dann grundlegend. Das Gehirn durchläuft verschiedene Schlafstadien, ganze Nervenzellverbände synchronisieren ihre Aktivität anders, die Verarbeitung äußerer Reize verändert sich und auch die Ausschüttung verschiedener Hormone folgt einem anderen Muster.
Gerade für Gedächtnis und Lernen ist das ausgesprochen interessant.
Im Schlaf können Aktivitätsmuster, die tagsüber beim Lernen entstanden sind, erneut verarbeitet werden. Dabei arbeiten unter anderem Hippocampus und Großhirnrinde miteinander.
Der Schlaf trägt auf diese Weise dazu bei, neu erworbene Informationen und auch bestimmte motorische Fähigkeiten weiter zu stabilisieren.
Das Gehirn lernt also nicht nur in dem Moment, in dem wir bewusst üben. Ein Teil des Lernens geschieht danach.
Das gilt auch für Bewegung
Und damit wird die Sache auch für die Physiotherapie zum Thema.
Nehmen wir jemanden, der nach einer Verletzung wieder lernt, sein Knie kontrolliert zu belasten. Oder einen Menschen, der nach längerer Schonung ein ungünstig gewordenes Bewegungsmuster verändert. Vielleicht wird nach einer neurologischen Erkrankung auch immer wieder derselbe kleine Bewegungsablauf geübt.
Während der Behandlung wird ausprobiert, korrigiert, angepasst und wiederholt.
Doch mit dem Ende der Übung ist der Lernprozess nicht abgeschlossen. Neu gelernte Bewegungsabläufe können in den Stunden danach weiterverarbeitet und im Schlaf stabilisiert werden. Bestimmte Schlafrhythmen, unter anderem sogenannte Schlafspindeln, werden mit der Konsolidierung motorischer Erinnerungen in Zusammenhang gebracht.
Das bedeutet nicht, dass jede Bewegung nach einer Nacht automatisch besser sitzt. Motorisches Lernen ist dafür viel zu komplex und hängt unter anderem von der Art der Aufgabe, der Übung und der individuellen Situation ab. Aber grundsätzlich gilt: Das Nervensystem arbeitet an Bewegung weiter, auch wenn wir längst aufgehört haben zu üben.
Was hat das mit einer Behandlung auf der Liege zu tun?
Mehr, als man zunächst denken könnte, und gleichzeitig weniger, als manche Wellnesswerbung daraus machen würde.

Ich würde nicht behaupten, eine Massage schalte gezielt das Default Mode Network ein oder versetze das Gehirn in einen wissenschaftlich definierten Heilzustand. So weit reicht die Forschung nicht.
Es gibt zwar Untersuchungen, in denen Berührung und Massage mit Veränderungen großer funktioneller Hirnnetzwerke einhergehen. Daraus lässt sich aber keine spezielle „DMN-Therapie“ ableiten.
Trotzdem kann eine ruhige Behandlung etwas schaffen, das im Alltag erstaunlich selten geworden ist: Zeit ohne Aufgabe. Während einer Massage muss niemand ein Problem lösen, einen Text lesen, eine Nachricht beantworten oder irgendeine geistige Leistung erbringen.
Natürlich verarbeitet das Nervensystem weiterhin jede Menge Informationen aus Haut, Muskeln und Gelenken. Körperwahrnehmung verschwindet also keineswegs. Aber die permanente Aufforderung, auf die Außenwelt zu reagieren, kann für eine Weile kleiner werden.
Und dann passiert bei Menschen sehr Unterschiedliches.
Der eine schweift gedanklich ab und erinnert sich plötzlich an etwas. Ein anderer nimmt die Berührung ganz genau wahr. Jemand döst. Bei jemand anderem wird es im Kopf ungewöhnlich ruhig. Und wieder jemand kommt nach zehn Minuten auf die Lösung für ein Problem, das mit der Behandlung überhaupt nichts zu tun hat. Keiner dieser Zustände muss der richtige sein. Vielleicht ist gerade das der interessante Punkt.
Was hinter unserer Vorstellung von Ruhe steckt
Wir sprechen gern von Aktivität und Ruhe, als wären das zwei Gegensätze. Hier tut der Körper etwas. Dort ruht er. Je genauer man hinschaut, desto weniger funktioniert diese Einteilung.
Beim konzentrierten Arbeiten organisiert sich das Gehirn anders als beim Tagträumen. Beim Tagträumen anders als während einer Meditation. Eine stille Wachpause ist etwas anderes als Schlaf. Und selbst der Schlaf besteht wiederum aus mehreren Zuständen, in denen Gehirn und Körper unterschiedlich arbeiten.
Vielleicht ist Ruhe deshalb gar kein biologischer Zustand, sondern nur das Wort, das wir verwenden, wenn wir von außen gerade nicht viel sehen.
Innen wird weiter erinnert, sortiert, gelernt, reguliert, aufgebaut und umgebaut.
Das bedeutet nicht, dass wir jede Pause künftig als Gesundheitsmaßnahme planen müssen. Wir müssen beim Aus-dem-Fenster-Schauen nicht möglichst kreativ sein und beim Schlafen nicht möglichst effizient regenerieren. Damit hätten wir aus der Ruhe sofort wieder eine Aufgabe gemacht.
Die interessantere Erkenntnis könnte eine andere sein: Unser Organismus besitzt erstaunlich viele Möglichkeiten, seine Arbeit zu erledigen. Manche brauchen unsere volle Aufmerksamkeit. Andere beginnen gerade dann, wenn wir aufhören, ständig etwas von ihm zu verlangen.
Macht es also dumm, wenn ich hier an vier Artikeln gleichzeitig schreibe?
Ich hoffe mal nicht. Denn diese Vorstellung würde mir ja den ganzen Spaß nehmen.
