Herzschmerz ist kein Muskelkater
Warum Ihr Herz nie einen Muskelkater bekommt, aber trotzdem manchmal wehtut
Nach einem harten Beintraining können Sie zwei Tage später kaum eine Treppe hinuntergehen, ohne das Gesicht zu verziehen. Jede Faser in den Oberschenkeln meldet sich. Aber haben Sie schon einmal gehört, dass sich jemand nach einem Marathon über einen wunden Herzmuskel beschwert hat? Nein. Und das, obwohl das Herz an diesem Tag vielleicht 20.000 Mal mehr geschlagen hat als sonst.
Das ist eigentlich schon merkwürdig, oder nicht? Das Herz ist ein Muskel. Und zwar ein ziemlich beeindruckender: Es arbeitet ohne Pause, ohne Ruhetag, ohne Urlaub, von der fünften Schwangerschaftswoche an, wenn es als winziger, noch schlauchförmiger Muskel zum ersten Mal zu schlagen beginnt, bis zum letzten Atemzug. Trotzdem bekommt es nie diesen ziehenden, tagelang nachwirkenden Schmerz, den Sie aus dem Fitnessstudio kennen. Um zu verstehen, warum das so ist, lohnt sich ein Blick darauf, was Muskelkater eigentlich ist und was dem Herzen fehlt, um ihn zu bekommen.
Was beim Muskelkater tatsächlich passiert
Lange galt Milchsäure als Übeltäterin. Das stimmt so nicht: Die Laktatwerte sind meist schon nach etwa einer Stunde wieder im Normalbereich. Der eigentliche Muskelkaterschmerz dagegen setzt viel später ein, typischerweise erst zwölf bis 24 Stunden nach dem Training, und erreicht seinen Höhepunkt nach ein bis zwei Tagen. Die heute anerkannte Erklärung setzt woanders an: bei ungewohnt hohen Belastungen, besonders bei exzentrischen Bewegungen, bei denen sich ein Muskel unter Spannung verlängert, statt sich zu verkürzen. Das passiert zum Beispiel beim langsamen Absenken einer schweren Hantel oder bei dem Abstieg vom Berg. Das sind auch die Aktivitäten, bei denen am nächsten Tag die Glieder am meisten schmerzen.
Der Schmerz entsteht, weil durch die hohe Anstrengung winzige strukturelle Störungen in den Muskelfasern entstehen, gefolgt von einer Entzündungsreaktion, die Flüssigkeit einlagert und Nervenenden empfindlicher macht. Neuere Forschung vermutet sogar, dass gar nicht in erster Linie die Muskelfasern selbst das Problem sind, sondern winzige Schädigungen an den sensiblen Nervenfasern der Muskelspindeln. Das sind jene kleinen Sensoren, die normalerweise Dehnung und Spannung zur Kontrolle an Ihr Rückenmark melden. Normalerweise hemmen die Meldefasern der Muskelspindeln dort auch die Weiterleitung von Schmerzsignalen: Sie wirken wie ein Filter, der dafür sorgt, dass nicht jeder kleine Schmerzreiz ungebremst ans Gehirn durchdringt. Werden diese Meldefasern selbst geschädigt, fällt dieser Filter teilweise aus, und dieselben Schmerzsignale kommen ungefiltert und verstärkt an. Das Gewebe wird nicht stärker verletzt, sondern nur empfindlicher wahrgenommen. So oder so: Es braucht eine ungewohnte oder exzentrische Belastung als Auslöser, wobei exzentrische Bewegungen die mit Abstand stärkste Wirkung haben. Und genau daran mangelt es dem Herzen.
Ein Muskel, der nie „ungewohnt“ belastet wird
Ihr Herzmuskel kennt exzentrische Kontraktionen praktisch nicht. Um unter Zug gedehnt zu werden, müsste er ja an zwei fixen Punkten befestigt sein. Aber er ist, grob gesagt, einfach nur ein hohler Ball. Der zieht sich zusammen, pumpt Blut aus, entspannt sich und füllt sich dann wieder: ein gleichmäßiger, in sich geschlossener Zyklus, der sich mechanisch sehr von dem unterscheidet, was in einem Bizeps beim langsamen Ablassen einer Hantel passiert. Es gibt für das Herz auch kein „zu ungewohnt“. Über das als Frank-Starling-Mechanismus benannte Prinzip passt es seine Kraft sekundengenau an die Füllung an: Mehr Blut kommt an, mehr wird herausgepumpt, ganz ohne Trainingsplan oder Eingewöhnung. Anders als jeder Skelettmuskel kennt es deshalb auch keinen ersten, überfordernden Tag im Fitnessstudio: Es trainiert bereits im Mutterleib und bleibt danach durchgehend „im Training“, ein Leben lang.
Warum das Herz während der Belastung selbst kaum ermüdet, hat seinen Grund in seiner außergewöhnlich hohen Mitochondriendichte: Diese Kraftwerke der Zelle machen beim Herzmuskel rund ein Viertel des Zellvolumens aus, bei einem Skelettmuskel dagegen nur einen winzigen Bruchteil. Mitochondrien ermöglichen es der Zelle, Energie mit Hilfe von Sauerstoff zu gewinnen. Das gelingt dem Herzen mit seiner großen Anzahl von Mitochondrien nahezu durchgängig. Diese gute Sauerstoffversorgung erklärt, warum das Herz während der Anstrengung selbst nicht brennt, ermüdet und Gefahr läuft, verletzt zu werden, wie es ein überlasteter Skelettmuskel tut.
Hinzu kommt: Dem Herzmuskel fehlen die Muskelspindeln komplett, jene Sensoren, die bei der neueren Muskelkater-Theorie eine zentrale Rolle spielen. Es gibt schlicht keinen Rezeptor-Apparat, der auf diese Weise gereizt werden könnte.
Seine Zellen sind zudem über sogenannte Glanzstreifen elektrisch und mechanisch fest miteinander verkoppelt und ziehen sich als koordiniertes Ganzes zusammen, anders als die einzelnen motorischen Einheiten im Skelettmuskel, die ungleichmäßig und teils überlastet arbeiten.
Kurz gesagt: Dem Herzen fehlen gleich mehrere Voraussetzungen für Muskelkater: die passende Kontraktionsform, die passenden Sensoren und die stoffwechselbedingte Anfälligkeit für Mikroverletzungen. Das heißt nicht, dass das Herz unverwundbar ist. Bei chronischer Überlastung reagiert es mit Vergrößerung und Umbau des Muskelgewebes, und bei einer echten Unterversorgung mit Sauerstoff, etwa durch verengte Herzkranzgefäße, entsteht Angina pectoris, ein ganz eigener, oft als drückend oder brennend beschriebener Schmerz. Der entsteht über einen völlig anderen Signalweg als Muskelkater: über Stoffwechselprodukte, die bei Sauerstoffmangel spezielle Schmerzrezeptoren am Herzen reizen.
Wenn das Herz doch wehtut, dann anders
Dann ist da aber noch die andere Art von Herzschmerz, die vermutlich fast jeder von uns schon einmal gespürt hat: das Gefühl, als würde einem buchstäblich etwas in der Brust zerreißen, bei Liebeskummer, aber genauso bei Angst oder tiefer Trauer. Auch hier lohnt sich ein zweiter Blick, denn ganz so eingebildet, wie man vielleicht denkt, ist dieser Schmerz gar nicht.
Zum einen gibt es tatsächlich einen Fall, in dem starker emotionaler Stress dem Herzmuskel direkt zusetzt: die sogenannte Stress-Kardiomyopathie, umgangssprachlich treffend „Broken-Heart-Syndrom“ genannt. Eine plötzliche Flut von Stresshormonen, etwa nach dem Tod eines nahestehenden Menschen, dem Verlust eines geliebten Tieres oder einer schmerzhaften Trennung, kann die linke Herzkammer vorübergehend regelrecht betäuben und eine ballonartige Verformung verursachen, die im EKG und in der Bildgebung fast wie ein Herzinfarkt aussieht. Meist bildet sich das innerhalb weniger Wochen zurück, ist aber alles andere als harmlos und gehört immer in ärztliche Hände.
Zum anderen, und das betrifft die meisten von uns weit häufiger, ist das Ziehen und Drücken in der Brust bei Kummer oft gar nicht das Herz selbst, sondern die Muskulatur drumherum. Unter Stress spannt sich die Muskulatur des Brustkorbs an, die Zwischenrippenmuskeln verkrampfen, die Atmung wird flach. Anders als der Herzmuskel können diese Muskeln sehr wohl schmerzhaft verspannen, fast wie ein kleiner, emotional ausgelöster Muskelkater rund um das Herz herum. Sie liegen so dicht am Herzen, dass sich ihre Anspannung leicht so anfühlt, als käme der Schmerz aus dem Herzen selbst, obwohl der eigentliche Herzmuskel davon unberührt bleibt.
Und schließlich zeigt die Hirnforschung, dass emotionaler Schmerz, etwa durch Zurückweisung, Verlust oder das Gefühl, verlassen zu sein, Gehirnregionen aktiviert, die auch bei körperlichem Schmerz mitarbeiten, unter anderem Areale, die normalerweise die emotionale Bewertung von Schmerz und unangenehmen Körperempfindungen übernehmen. Das Nervensystem unterscheidet an dieser Stelle also gar nicht so klar zwischen einer gebrochenen Rippe und einem gebrochenen Herzen. Kein Wunder, dass sich Kummer körperlich real anfühlt, nur eben nicht im Herzmuskel selbst, sondern in der Muskulatur drumherum und im Gehirn, das den Schmerz verarbeitet.
Was das für Sie bedeutet
Ihr Herzmuskel selbst nimmt Belastung erstaunlich gelassen hin, ganz gleich wie intensiv das Training war. Was in der Brust wehtut, wenn das Leben gerade hart ist, sind meist die Muskeln drumherum, die tatsächlich verspannen und sich auch wieder lösen lassen, etwa durch bewusste, tiefe Atmung, Wärme oder sanfte Bewegung. Seltener ist es eine echte Reaktion des Herzens selbst auf massiven Stress, die dann auch ärztlich behandelt gehört.
Fazit
Ein spürbarer Druck in der Brust nach einer schweren emotionalen Erschütterung erklärt sich in den meisten Fällen über angespannte Muskulatur und ein aufgewühltes Nervensystem und ist keine Bedrohung, auch wenn es sich anders anfühlt. Hält der Schmerz an, kommt Atemnot dazu oder strahlt er in Arm oder Kiefer aus, gehört er immer in ärztliche Abklärung, unabhängig davon, wie einleuchtend die Erklärung in diesem Artikel klingt.
Ich möchte Ihnen vor allem eines zeigen: Herz und Muskulatur schmerzen aus ganz unterschiedlichen Gründen, aber es fühlt sich manchmal genauso mies an.
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Bild: Fraktal, erstellt mit MandelBrowser
