Blog der Heilpraxis für Physiotherapie Heike Amthor in Leipzig

Der Wald unter den Füßen

Ich laufe mit Luki, meiner Hündin, durch den Staditzwald. Ganz allein, die übrige Menschheit hat sich andere Ziele für diesen Sonntagsspaziergang gewählt. Uns ist es recht.

Über uns rauscht ein lauer Wind durch das Blätterdach von Eichen und Buchen. Milde, die Hitze der vergangenen Tage ist zum Glück nur noch Erinnerung. Wenn ich einen Moment geglaubt habe, ein etwas Mehr an Bekleidung wäre sinnvoll gewesen – jetzt genieße ich die Berührung der kühlen Luft auf der Haut.

Die Sonne zaubert kleine Flecken auf den Waldboden, die unstet auftauchen und wieder verschwinden. Im Hintergrund schmettern die Buchfinken ihre Lieder mit einer Entschlossenheit in den Wald, als hätten sie der ganzen Welt Wichtiges kundzutun.

Ich komme an dem Barfußpfad vorbei. Ich erinnere mich: wie es sich anfühlt, den Boden ungefiltert unter den Füßen zu spüren. Ich ziehe meine Schuhe aus.

Barfuß. Füße neben Schuhen und mit einem schwarzen Hund

Kühl.

Das ist mein erster Gedanke.

Der zweite: pieksig. Feucht.

Kühl. Pieksig. Feucht.

Unter meinen Fußsohlen: kleine Steinchen, trockene Blattstiele, Erde und etwas, das sich verdächtig nach einem Eichelhütchen anfühlt. Sofort spannen sich meine Zehen an und kehren – vorsichtiger nun – auf den Boden zurück.

Barfußgehen war in meiner Erinnerung so selbstverständlich gewesen. Frei, naturverbunden und lässig. Aber die ersten drei Minuten, in denen man herumsteht wie ein Flamingo und versucht, nicht auf eine winzige Buchecker zu treten, waren gelöscht. Bis jetzt.

Ich setze meine Ferse behutsam auf und lasse den Fuß langsam nach vorn abrollen. Der Fuß passt sich dem Boden an, statt ihn einfach nur plattzutreten. Plötzlich spüre ich Bewegung an Stellen, die in Schuhen kaum etwas zu tun bekommen.

Wenn die Füße wieder mitarbeiten

Der menschliche Fuß besteht aus vielen kleinen Knochen, Gelenken, Bändern und Muskeln. Ein erstaunlich bewegliches Gebilde, obwohl er im Alltag oft eingezwängt stundenlang über glatte Böden bewegt wird. Barfuß auf solch abwechslungsreichem Untergrund müssen besonders die kleinen Muskeln im Fuß ständig nachregeln. Sie stabilisieren das Fußgewölbe, führen die Zehen und helfen dabei, das Gleichgewicht immer wieder neu herzustellen.

Auch meine Schuhe atmen auf. Das Loch an der Sohle wird noch einige 100 m warten müssen, bis es zu den Füßen durchbrechen darf.

Ich spüre, dass meine Füße arbeiten.

Nicht spektakulär. Eher wie eine Gruppe verschlafener Mitarbeiter, die nach langer Pause plötzlich wieder aufgeweckt worden war.

Mit jedem Schritt werde ich etwas langsamer.

Der Waldboden lässt mir keine andere Wahl. Wo ich mit Schuhen einfach durch den Wald gelaufen wäre, schaue ich nun genauer hin. Dort liegt eine kantige Wurzel. Daneben ein weiches Stück Moos. Ein paar Meter weiter überlege ich, ob ich dem Schlammloch ausweichen sollte: ich entscheide mich dagegen. Der kühle Modder schlotzt zwischen meine Zehen, umhüllt fast den ganzen Fuß. Wie tief man sinken kann…

Ich setze einen Fuß auf das Moos.

Moos im Wald

Es gibt sanft nach.

Kühl und weich schmiegt es sich um meine Zehen, und für einen Moment bleibe ich einfach stehen. Die Haut meiner Fußsohlen nimmt den Druck, die Temperatur, Unebenheiten und Feuchtigkeit wahr. Dort sitzen zahlreiche Sinnesrezeptoren, die dem Gehirn ständig melden, wie der Boden beschaffen ist und wo sich das Körpergewicht gerade befindet.

Diese Informationen helfen dem Körper, Haltung und Bewegung anzupassen. Knöchel, Knie, Hüften und Rumpf reagieren darauf, oft ohne dass ein Mensch es bewusst bemerkt. Ein abwechslungsreicher Untergrund ist deshalb nicht nur eine Sache der Füße. Der ganze Körper beteiligt sich. Auch das Lymphsystem kann profitieren: Barfußgehen auf dem unebenen Untergrund aktiviert u.a. die Muskeln der Waden stärker als beim Gehen in Schuhen. Das hilft dabei, überschüssiges Gewebewasser zurück in den Kreislauf zu befördern. Eine körpereigene  Lymphdrainage sozusagen.

Und das Moos nimmt einen Teil vom Dreck wieder zurück. Dankeschön.

Ich mache einen etwas zu großen Schritt über eine Wurzel, gerate ins Schwanken und rudere kurz mit den Armen.

Ein Buchfink verstummt.

„Ist ja gut“, murmle ich. „Ich übe noch.“

Der Vogel setzt sein Lied fort.

Nach einigen Minuten bemerke ich meine Waden. Nicht, dass sie schmerzen, aber sie fühlen sich wacher an als sonst. Beim Barfußgehen kann sich die Art verändern, wie ein Fuß aufgesetzt und abgerollt wird. Offensichtlich trete ich gerade vorsichtiger auf, mache kürzere Schritte und nutze die Fuß- und Wadenmuskulatur anders als in den gedämpften Schuhen.

Das kann kräftigen. Es kann aber auch überfordern, wenn jemand zu schnell zu viel versucht. Muskeln, Sehnen und die Haut brauchen Zeit, um sich anzupassen. Besonders die Achillessehne und die Waden mögen keine plötzlichen Heldentaten.

Ich beschließe deshalb, heute keinen Barfußmarathon zu laufen. Ein paar Hundert Meter müssen reichen.

Wenn es leiser wird

Ich komme an einer kleinen Lichtung vorbei. Sonnenstrahlen liegen auf dem Gras, und die Luft riecht nach warmer Erde, Holz und etwas, für das ich keinen Namen habe. Vielleicht riecht einfach der Wald so, weil niemand versucht hat, daraus ein Raumspray zu machen.

Ich atme tiefer ein.

Auch das gehört in diesem Moment dazu. Bewegung, Tageslicht, eine ruhigere Umgebung, der Duft des Waldes und das Nachlassen von Daueranspannung kurbeln Prozesse an, die eng mit dem Immunsystem verbunden sind.

Denn das Immunsystem arbeitet nicht getrennt vom übrigen Körper. Nervensystem, Hormone, Schlaf, Bewegung und psychische Belastung greifen ineinander. Dauerhafter Stress ist ein rotes Tuch für das Immunsystem. Ein Aufenthalt in der Natur hilft mir meist sofort, die Anspannung zu senken. Das klappt nicht bei jedem Menschen und nicht immer sofort. Doch ich spüre, wie der Atem ruhiger wird, die Aufmerksamkeit bei mir und dem, was direkt um mich herum ist, ankommt und der innere Lärm zu verstummen beginnt.

Kleiner Zweig an einem Baumstamm, von der Sonne beschienen

Ich bleibe stehen und lausche.

Lukis Füße auf dem Boden. Das Klackern des Karabiners an ihrer Leine. Das Rascheln eines Tieres im Unterholz. Das Schmatzen des Bodens unter meinen Füßen.

Und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund, der offenbar mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt war und diese lautstark kommentiert. Auch Luki ist tiefenentspannt. Sie beachtet ihn nicht.

Der Wald ist nicht still. Er ist nur angenehm anders laut.

Unter meinen Füßen begegnet mir währenddessen eine kleine Welt aus Erde, Pflanzenresten und unsichtbaren Lebewesen. Meine Haut bietet mir dabei zuverlässig Schutz. Der Kontakt mit der natürlichen Umgebung ist zum Glück für meinen Körper etwas, womit er gut zurechtkommt. Mein Immunsystem ist auf solche alltäglichen Begegnungen eingestellt und arbeitet zuverlässig daran, zu erkennen, was harmlos ist, was dazugehört und worauf mein Körper reagieren muss. Und das Barfußgehen ist auch ein bisschen Training dafür, dass es so bleibt.

Aber die romantischste Waldgeschichte sollte nicht so tun, als seien Splitter, Dornen, Glasscherben, Zecken oder kleine Hautverletzungen für jedermann unproblematisch. Wer barfuß läuft, muss hinschauen. Gerade bei Diabetes, Empfindungsstörungen, Durchblutungsproblemen oder schlecht heilenden Wunden ist ganz besonders Vorsicht nötig.

Kiefernzapfen und Fußreflexzonen

Dort vorn liegt ein Kiefernzapfen. Ich stelle einen Fuß darauf und rolle ihn vorsichtig hin und her.

Das tut überraschend gut.

Unter meiner Fußsohle verlaufen nicht nur Muskeln, sondern auch Sehnen, Bindegewebe und Nerven. Der Druck und die Bewegung des Kiefernzapfens machen das Spannungsgefühl und die Wahrnehmung des Fußes in seiner Veränderlichkeit spürbar. Genau hier berühren sich moderne Körperwahrnehmung und die traditionelle Vorstellung von Fußreflexzonen.

In der Fußreflexzonentherapie werden bestimmten Bereichen der Füße innere Organe oder Körperregionen zugeordnet. Ein anatomisch nachgewiesenes Leitungssystem, über das ein bestimmter Punkt an der Fußsohle direkt ein bestimmtes Organ behandelt, ist wissenschaftlich zwar nicht belegt. Trotzdem hat diese alte Tradition ihre Erfahrungen gesammelt. Und vielerorts wird dieses Wissen heute auch in der Medizin begleitend genutzt: Zum Beispiel in der Geburtsvorbereitung, wenn die Wehen nicht kommen wollen. Wie auch immer man dazu steht: die Berührung der Füße kann sehr wohltuend sein.

Massage, Wärme und achtsamer Druck können entspannen, die lokale Durchblutung anregen und die Aufmerksamkeit aus dem Kopf zurück in den Körper holen. Manchmal verändert sich dadurch auch das allgemeine Wohlbefinden. Nicht weil unter dem großen Zeh heimlich die Fernbedienung für den ganzen Menschen liegt, sondern weil Berührung, Nervensystem und Körperwahrnehmung eng miteinander verbunden sind.

Ich verlagere mein Gewicht ein wenig zu weit auf den Zapfen.

„Au“, sage ich und nehme meinen Fuß herunter.

Auch das ist Körperwahrnehmung.

Ich gehe weiter und merke, wie sich mein Blick verändert hat. Anfangs habe ich nur nach Gefahren gesucht. Spitze Steine. Dornen. Wurzeln. Inzwischen sehe ich Unterschiede.

Feuchte Erde fühlt sich glatt und dicht an. Trockenes Laub knistert und rutscht ein wenig. Sand weicht unter den Zehen aus. Kleine Zweige kündigen sich mit einem kurzen Pieksen an, bevor sie brechen.

Schritt für Schritt

Achtsamkeit muss offenbar nicht bedeuten, regungslos auf einem Kissen zu sitzen und zu versuchen, an nichts zu denken. Hier meint sie, den nächsten Schritt schon im Voraus zu spüren.

Nur diesen einen:

Wo setze ich den Fuß hin?

Wie verteilt sich mein Gewicht?

Ziehe ich die Zehen zusammen?

Halte ich den Atem an?

Wie wird es sich anfühlen?

Ich bemerke, dass ich bei schwierigeren Stellen tatsächlich kurz nicht atme. Ich lasse die Luft wieder ausströmen, lockere meine Schultern und gehe etwas langsamer.

Mein Kopf, der sonst gern gleichzeitig Behandlungen vorbereitet, Gespräche analysiert und sich Sorgen um Dinge macht, die vielleicht in drei Wochen passieren könnten, bekommt gerade weniger Raum für derartige Ausschweifungen.

Der Boden verlangt meine Aufmerksamkeit. Nicht grob. Nicht bedrohlich. Nur beharrlich.

Nach einer Weile setze ich mich auf einen Baumstumpf. Meine Fußsohlen sind schmutzig. An der linken Ferse klebt ein kleines Blatt, zwischen zwei Zehen steckt noch ein Rest Schlamm, und ein dünner roter Abdruck zeugt davon, dass ich auf einen etwas widerspenstigen Zweig getreten war.

Meine Füße sehen nicht schöner aus als vorher.

Aber irgendwie lebendiger.

Ich streiche mit den Händen über die Sohlen und bewege jeden Zeh einzeln. Der kleine Zeh des rechten Fußes verweigert jede Mitarbeit und wackelt nur mit, wenn die anderen sich bewegen. Vermutlich hat er nach all der Zeit im Schuhwerk noch nicht verstanden, dass er eigenständiges Teil des Ganzen ist.

Ich lache leise.

Dann ziehe ich die Schuhe wieder an. Sie fühlen sich plötzlich ungewohnt fest an. Und feucht von meinen unsauberen Füßen, und mit etwas piekendem Sand. Eine kleine Erinnerung an eben.

Ich stehe auf und gehe weiter.

Meine Schritte sind nun ruhiger.

Und eine ganze Weile fühle ich noch das kühle Moos unter meinen Zehen.

Ein Gedanke zu “Der Wald unter den Füßen

  1. K Klara sagt:

    Schön geschrieben!

    1. HA Heike Amthor sagt:

      Vielen Dank 🙏

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